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Postkoloniale Strukturen

Postkoloniale Perspektiven auf unser Ernährungssystem – und was das mit meinem Einkaufszettel zu tun hat

Je mehr ich mich mit unserem Ernährungssystem beschäftige, desto deutlicher wird mir: Kolonialismus ist nicht einfach vorbei, nur weil er im Geschichtsunterricht so weit weg wirkt. Viele seiner Muster leben in globalen Lieferketten, Preisen und Machtverhältnissen weiter. Und plötzlich hat etwas so Alltägliches wie mein Einkaufszettel viel mehr mit globaler Gerechtigkeit zu tun, als ich früher dachte.

In Deutschland haben wir meistens eine riesige Auswahl an Lebensmitteln. Wir probieren neue Foodtrends aus, diskutieren über vegane Burger oder High-Protein-Snacks – und trotzdem landet ein Drittel unserer Lebensmittel im Müll. Gleichzeitig essen wir oft nur die „besten“ Teile eines Tieres, ohne darüber nachzudenken, was mit dem Rest passiert.

Wenn ich dann auf Länder im Globalen Süden schaue, sehe ich ein ganz anderes Bild. Viele dieser Länder produzieren Luxus-Exportgüter wie Kaffee, Kakao oder Zucker – Produkte, die wir hier wie selbstverständlich konsumieren. Für die eigene Grundversorgung fehlen dann Flächen, Ressourcen oder politische Prioritätensetzungen.

Aber das bedeutet nicht, dass die Menschen dort passiv oder hilflos wären. Im Gegenteil: Viele kämpfen aktiv für Ernährungssouveränität, für faire Arbeitsbedingungen und für nachhaltige Landwirtschaft. Doch der globale Markt bevorzugt billige Arbeitskraft, große Konzerne und schnelle Profite – und das macht es schwer, gerechte Strukturen aufzubauen.

Ein paar Beispiele zeigen, wie eng das alles miteinander verknüpft ist:

  • Geflügelhandel: Während begehrte Teile wie Filet oder Hühnerbrust im Norden bleiben, werden andere Teile aufgrund von Handelsabkommen und Subventionen so günstig exportiert, dass lokale Produzent*innen im Süden kaum konkurrenzfähig sind.
  • Arbeitsverlagerung: Nordseekrabben werden etwa nach Marokko transportiert, dort geschält und anschließend wieder in Europa verkauft – weil Arbeitskraft in vielen Ländern des Südens systematisch niedriger entlohnt wird.
  • Supermärkte: Internationale Handelsketten bestimmen Preise und Bedingungen weltweit – und die Menschen, die Lebensmittel anbauen, verdienen am wenigsten.

Wenn ich das sehe, frage ich mich: Was hat das mit mir zu tun? 
Und die ehrliche Antwort ist: mehr, als ich früher dachte.
Es gibt heute schon Alternativen, die zeigen, wie fairer Handel aussehen kann: Solidarische Landwirtschaft, Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften, Weltläden, Fair-Trade-Initiativen oder Unternehmen wie Fairafric, die Wertschöpfung im Globalen Süden stärken. Wenn ich dort einkaufe, unterstütze ich Menschen, die aktiv an gerechteren Strukturen arbeiten – im Süden genauso wie hier.

Es gibt heute schon Alternativen, die zeigen, wie fairer Handel aussehen kann: Solidarische Landwirtschaft, Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften, Weltläden, Fair-Trade-Initiativen oder Unternehmen wie Fairafric, die Wertschöpfung im Globalen Süden stärken. Wenn ich dort einkaufe, unterstütze ich Menschen, die aktiv an gerechteren Strukturen arbeiten – im Süden genauso wie hier.

Ein Wohlstand, der auf Ausbeutung basiert, ist brüchig. Ein Wohlstand, der auf Solidarität, Respekt und Zusammenarbeit wächst, ist nachhaltiger. Und er nährt uns alle – nicht nur körperlich, sondern auch gesellschaftlich. Vielleicht können so auch alte Wunden heilen.

Text: Marie-Luise Großmann, Religionspädagogische Fachberaterin für Kitas und Gemeinden, Evangelische Jugend Lübeck-Lauenburg