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Faire Preise

Was kosten Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit?

Trinkst du auch gerne Kaffee? In dem REWE, in dem ich immer einkaufe, kostet der günstigste gemahlene Kaffee zurzeit 11 Euro pro Kilo. Davon müssen Rösterei, Importeur, Transport, Verpackung und die Menschen im Kaffeeanbau in Brasilien bezahlt werden. Da bleibt kaum etwas übrig, um die harte langwierige Arbeit der Kaffeelandwirt*innen zu würdigen.

Was ist ein fairer Preis?
11 Euro für einen Kilo Kaffee sind kein fairer Preis. Doch wann genau ist ein Preis fair? Dazu gehört, dass von dem Preis alle Produktionskosten für das Lebensmittel gedeckt und gerechte Löhne gezahlt werden können. Ein fairer Preis berechnet sich also so:

Fairer Preis gleich Produktionskosten (Düngemittel plus Saatgut plus Wasser plus Land plus Maschinen plus Logistik) plus fairer Lohn (regionale Lebenshaltungskosten plus finanzielle Rücklage).

Leider wird so ein Preis selten gezahlt. Das liegt an einem starken Machtgefälle im Ernährungssystem. In Deutschland ist es zurzeit so, dass nur vier Großkonzerne über 85 Prozent des Marktes für Lebensmittel kontrollieren und dabei 262.800 landwirtschaftlichen Betrieben ihre Produkte abnehmen. Dieses Ungleichgewicht bedeutet, dass die Landwirt*innen kaum Verhandlungsmacht haben. Die Konzerne drücken die Preise mit unfairen Handelspraktiken so niedrig, wie es nur geht.

Das hat dazu geführt, dass seit 1970 immer weniger Geld von dem Preis, den wir im Supermarkt zahlen, bei den Produzent*innen landet. Wenn unsere Großeltern 1970 eingekauft haben, gingen 57 Prozent des Milchpreises und 63 Prozent des Kartoffelpreises direkt an die Erzeuger*innen. Heute sind es bei Milch noch 39 Prozent und bei Kartoffeln 36 Prozent. Der Rest landet bei den Großkonzernen.

Wer zahlt den Preis der Lebensmittel wirklich?
Um diese Frage zu beantworten, gibt es das Konzept des wahren Preises – auf Englisch true cost accounting. Unsere Lebensmittel sind nur so günstig, weil die Folgekosten für die Umwelt und die sozialen Kosten nicht mit einberechnet werden. Die Welternährungsorganisation FAO schätzt: ein Mensch in der Farmarbeit, der zehn Jahre mit giftigen Pestiziden arbeitet, trägt im Durchschnitt einen gesundheitlichen Schaden von 3000 Euro davon. Außerdem haben wir in Deutschland durch den Pestizideinsatz in 30 Jahren 75 Prozent der Insektenbiomasse verloren. In Frankreich würde die Reinigung des gesamten Grundwassers beinahe genauso viel kosten wie der gesamte Gewinn der Landwirtschaft. Das zeigt: Wenn der wahre Preis für Lebensmittel gezahlt werden müsste, wären fair gehandelte und nachhaltig produzierte Lebensmittel günstiger als konventionell hergestellte.

Wie könnte es besser sein?
Faire Preise tragen zu mehr sozialer und globaler Gerechtigkeit bei und schützen die Umwelt sowie das Klima. Wie das gehen kann, zeigt sich zum Beispiel beim Kaffee. Das Hamburger Kaffeekollektiv Aroma Zapatista betreibt direkten solidarischen Handel mit Kooperativen in Mexiko und Kolumbien. Der Preis wird mit den Kooperativen gleichberechtigt besprochen. Wenn nach besseren Preisen gefragt wird, wird auch mehr gezahlt. Aroma Zapatista hat langfristige Verträge abgeschlossen, zahlt mehr als die Hälfte im Voraus und nimmt auch schlechtere Ernten ab – das ermöglicht Stabilität, Sicherheit und einen ökologischen Anbau. Gewinne machen sie dabei nicht – der Endpreis deckt nur die solidarische Bezahlung der Farmarbeiter*innen und faire Löhne für die Angestellten in Hamburg.

Was können wir tun?
Faire Preise können wir an bestimmten Siegeln erkennen. Dazu gehören FairTrade, Naturland und Gepa Plus. Diese Zertifizierungen sind nicht perfekt, aber besser als konventionelle Produkte. Noch besser ist es aber, möglichst direkt bei Erzeugern einzukaufen. Das geht bei regionalem Obst und Gemüse zum Beispiel auf dem Wochenmarkt, in Hofläden oder über Gemüsekisten, die man bei vielen Landwirten bestellen kann. Ein super Beispiel für solidarischen Handel in Deutschland sind sogenannte Solawis – solidarische Landwirtschaft.

Es sind jedoch auch politische Veränderungen nötig. Denn wenn bessere Preise gezahlt werden, können Lebensmittel teurer werden. Damit gutes Essen kein Luxus wird, müssen Politiker*innen für einen sozialen Ausgleich sorgen. Das geht zum Beispiel über höhere Sozialleistungen, eine Anhebung des Mindestlohns, Steuerentlastungen für faire und nachhaltige Lebensmittel, subventionierte Gemeinschaftsverpflegung und die Förderung von Direktvermarktung und regionaleren Märkten. Neben bewusstem Konsum ist es also auch wichtig, sich für politische Veränderungen einzusetzen und Initiativen wie die Initiative Faire Preise zu unterstützen, damit wirklich alle gutes Essen und faire Lebensbedingungen haben.

Autor: Nils Hilder