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Agroforst

Wald statt Feld – Der Agroforst

Stell dir vor, du läufst durch einen Wald und plötzlich stolperst du beinahe über ein Huhn. Ein paar Meter weiter steht eine Kuh unter einer Esskastanie. Dazwischen wachsen Obststräucher. Das klingt ungewöhnlich, aber immer mehr landwirtschaftliche Betriebe setzen auf eine Mischung aus Viehhaltung und Gehölzen – eine Agroforstwirtschaft.

Agroforst – Was ist das?
Agroforstwirtschaft kombiniert Gehölze mit Viehhaltung und/oder Ackerkulturen auf derselben Fläche. Bäume wachsen neben Obst, Gemüse und Tieren. Statt einer riesigen Mais-Monokultur entsteht ein mehrschichtiges System. Die Idee ist, Landwirtschaft mit der Natur zu betreiben und die Bewirtschaftung so zu planen, dass sich alle Pflanzen und Tiere gegenseitig unterstützen.

Doch wie funktioniert das genau? Ein Agroforst arbeitet wie ein Team. Alle haben ihre individuellen Stärken und tragen damit dazu bei, die Schwächen der anderen auszugleichen. Die Bäume spenden Schatten für Pflanzen und Tiere. Außerdem verbessern sie den Nährstoffgehalt der Böden und blocken den Wind ab. Davon profitieren die angebauten Pflanzen. Kühe oder Schweine düngen auf natürliche Art den Boden und Hühner fressen Schädlinge und schützen damit die Sträucher. Du siehst: Ein Agroforst ist ein perfekt aufeinander abgestimmtes System.

Warum brauchen wir ausgerechnet jetzt mehr Agroforst?
Die Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen: Klimakrise, Artensterben, Höfesterben, schlechter werdende Böden. Ein Agroforst bietet da einige Lichtblicke.

Diese Bewirtschaftungsform hat viele positive Effekte für Umwelt und Klima. Die Bäume und Sträucher helfen gegen die Vertrocknung der Böden. Außerdem wird die Biodiversität und die Bodenfruchtbarkeit erhöht. Die Gehölzstrukturen schaffen Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten und Rückzugsgebiete für Wildtiere. Agroforste brauchen kaum Dünger, schützen Gewässer und können bis zu zweieinhalbmal so viel CO₂ binden wie Monokulturen.

Auch für Landwirt*innen bietet die Agroforstwirtschaft Vorteile. Die Höfe können auf derselben Fläche mehr produzieren. Zum Beispiel können sie Früchte, Eier, Getreide und Holz für die Energieerzeugung verkaufen. Diese Vielfalt schützt Landwirt*innen besser vor Preisschwankungen und Wetterextremen und sorgt damit für stabilere Einkommen.

Beispiel: Der Biolandhof Braun in Freising
Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt der Hof Braun in Freising. Auf der Fläche stehen unter anderem Pappeln, Grauerlen und Weiden. 22 Milchkühe freuen sich in den heißen Sommern über den Schatten der Bäume. Schweine und Hühner laufen zwischen den Gehölzen und Streuobstwiesen frei herum. Außerdem gibt es Getreidefelder zwischen den Bäumen. Josef Braun kann also Käse aus der eigenen Käserei, Fleisch, Eier, Bio-Getreidesaatgut und Holzschnitzel für die Energieerzeugung verkaufen – alles aus einem Agroforst-System.

Was kannst du tun?
Wenn der Agroforst so viele Vorteile hat, warum wird nicht viel stärker daraufgesetzt? Früher war diese Art der Bewirtschaftung weit verbreitet. Allerdings haben politische Reformen im 20. Jahrhundert, wie die Grüne Revolution durch die Weltbank und die Flurbereinigung in Deutschland, zu einer Intensivierung und Mechanisierung der Landwirtschaft geführt. Gehölze und Hecken wurden gerodet, um mit großen Maschinen arbeiten zu können.

Heute müssen wir auf das alte Wissen zurückgreifen und es wieder neu anwenden. Als kritische Konsument*innen können wir uns natürlich informieren; allerdings gibt es kein Siegel oder ähnliche Kennzeichnungen für Agroforst-Produkte, wodurch die Macht der Konsumentinnen beschränkt ist.

Viel wichtiger ist, dass die Agroforstwirtschaft stärker in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union und in der Politik auf Bundes- und Landesebene gefördert wird. Dafür setzt sich die Initiative Agroforst Jetzt! ein, deren Aufruf du unterzeichnen kannst, wenn du möchtest. Auf der Agroforstkarte des Deutschen Fachverbands für Agroforstwirtschaft (DeFAF) findest du alle Agroforstprojekte in deiner Nähe.

Außerdem lassen sich die Ideen auch im eigenen Garten oder im Schulgarten umsetzen. Falls du einen Garten hast, in dem ein oder mehrere Bäume wachsen, setze doch mal ein paar Sträucher daneben, oder überlege dir, ob da nicht ein paar Hühner raumlaufen könnten.

Text: Marie-Luise Grossmann